Bei einem Besuch des Fraunhofer-Instituts für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV in Augsburg erhielten die Vertreter von BayPapier – Hauptgeschäftsführer Dr. Thorsten Arl sowie Markus Erlewein und Patrick Zens – spannende Einblicke in ein Forschungsfeld, das auf den ersten Blick wenig mit der klassischen Papierherstellung zu tun hat. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Die Verbindung von Papiertechnologie und modernen Verbundwerkstoffen eröffnet faszinierende Perspektiven für die gesamte Branche. Im Mittelpunkt des Austauschs mit Senior Business Developer Michael Sauer stand die sogenannte Wet-Laid-Technologie. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, das den Papieringenieuren bestens vertraut ist: Fasern werden in Wasser suspendiert, über einen Stoffauflauf auf ein Sieb aufgebracht und anschließend entwässert sowie getrocknet.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im eingesetzten Rohstoff. Statt Naturfasern verarbeitet das Fraunhofer IGCV Carbon- und Glasfasern. Besonders interessant ist dabei die Wiederverwertung von Carbonfasern aus der Luft- und Raumfahrtindustrie Ausgediente Bauteile aus Flugzeugen oder Raumfahrtsystemen werden zunächst mittels Pyrolyse behandelt. Dabei werden die Harzbestandteile entfernt und die wertvollen Carbonfasern zurückgewonnen. Anschließend werden diese Fasern ähnlich wie Papierfasern in einem Pulper mit Wasser vermischt und über den Wet-Laid-Prozess zu einem neuen Material verarbeitet.
So entstehen Carbonvliese mit unterschiedlichen Flächengewichten, Dicken und technischen Eigenschaften. Diese Vliese können in zahlreichen Anwendungen eingesetzt werden – beispielsweise im Automobilbau, in der Bauindustrie oder bei technischen Verbundwerkstoffen. Gleichzeitig sind sie deutlich kostengünstiger als Produkte aus neuen Carbonfasern und leisten einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.
Für die Papierindustrie ist diese Entwicklung besonders bemerkenswert. Sie zeigt eindrucksvoll, dass die Anlagen, Erfahrungen und Fähigkeiten aus der klassischen Papierherstellung hier die Grundlage bilden für die Entwicklung und Produktion ganz neuartiger Faserverbundwerkstoffe. Damit können die vorhandenen Kenntnisse in der Faserstoffaufbereitung, der Bahnbildung und der Trocknung auch bei hochmodernen Werkstoffen eine entscheidende Rolle spielen. So könnten sich neue Geschäftsfelder und Chancen für eine breitere industrielle Aufstellung ergeben.
Das Beispiel des Fraunhofer IGCV zeigt, welches Innovationspotenzial in der Anwendung von Produktionstechnologie aus der Papierindustrie steckt. Das Fraunhofer IGCV hat die klassischen Produktionswege der Papierindustrie entdeckt, um Hightech-Produkte zu verarbeiten und dazu als eine ihrer jüngsten Anschaffungen in eine eigene Papiermaschine investiert. Gerade in Zeiten des technologischen Wandels kann die Branche von solchen Anwendungen profitieren und ihre Bedeutung als Schlüsseltechnologie für nachhaltige Materiallösungen weiter ausbauen, zumal das Fraunhofer IGCV für eine erfolgreiche Symbiose die Nähe und den Schulterschluss zu klassischen Papierindustrie sucht.
Nicht zuletzt bieten Projekte wie diese eine hervorragende Möglichkeit, junge Menschen für das Studium des Papieringenieurwesens zu begeistern. Wer erlebt, dass auf einer Papiermaschine nicht nur Papier, sondern auch Hightech-Werkstoffe für die Mobilität und Industrie von morgen entstehen können, erkennt schnell die Vielseitigkeit und Zukunftsfähigkeit dieses Berufsbildes.
