Die Papier-, Pappe- und Kunststoff verarbeitende Industrie in Bayern sieht sich weiterhin mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Bei der Jahrestagung des Arbeitgeberverbands der Bayerischen Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie e.V. (VBPV) in Tegernsee zog der Vorstandsvorsitzende Günther Berninghaus eine nüchterne Bilanz des vergangenen Jahres. „Mit dem Jahr 2025 ist erneut ein verlorenes Jahr zu Ende gegangen“, sagte Berninghaus in seinem Bericht zur Lage der Branche. Zwar sei das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent gewachsen, doch insgesamt bleibe die wirtschaftliche Entwicklung von Stagnation geprägt.
Die papier- und kunststoffverarbeitende Industrie musste 2025 erneut Einbußen hinnehmen. Der Umsatz in der Papierverarbeitung sank im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozent. Die Kunststoffverarbeitung – insbesondere der Bereich flexible Verpackungen – verzeichnete ebenfalls einen Rückgang. Als Teil der Verpackungsindustrie sei die Branche eng mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verknüpft, betonte Berninghaus. Schwache Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen sowie ein zurückhaltender privater Konsum hätten die Entwicklung zusätzlich belastet. Hinzu kämen geopolitische Unsicherheiten, steigende Energiepreise und Handelsbeschränkungen. Trotz der schwierigen Lage halten viele Unternehmen an ihren Beschäftigten fest. Ein überstürzter Personalabbau wäre angesichts des demografischen Wandels und zunehmender Fachkräftelücken kurzsichtig, so Berninghaus. Als positives Signal verwies er auf die erstmals 2025 durchgeführte „Papier Challenge“, einen Schulwettbewerb zur Nachwuchsgewinnung. Aufgrund der großen Resonanz soll der Wettbewerb am 28. April 2027 in der Motorworld München erneut stattfinden.
Um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu sichern, fordert der Verband vor allem bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Ein zentrales Anliegen ist der Abbau bürokratischer Belastungen. „Unser Kerngeschäft wird zunehmend durch Berichtspflichten und Dokumentationsanforderungen ausgebremst“, kritisierte Berninghaus. Besonders kritisch sieht der Verband die geplante Umsetzung der europäischen Entgelttransparenzrichtlinie sowie eine Reform des Erbschaftssteuerrechts, das Unternehmensnachfolgen fast unmöglich machen würde. Darüber hinaus fordert der Verband eine deutliche Senkung der Energiekosten. „Die hohen Energiepreise sind in Deutschland zu einem erheblichen Wettbewerbsnachteil geworden“, sagte Berninghaus. Staatliche Abgaben und hohe Netzentgelte müssten reduziert werden. Gleichzeitig betonte Berninghaus die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft für die Branche. Papier- und Verpackungsprodukte verfügten über etablierte Recyclingstrukturen. Rund 85 Prozent des verwendeten Papiers gelangten wieder in den Kreislauf. Auch bei der europäischen Verpackungsverordnung habe sich der Verband erfolgreich dafür eingesetzt, dass recyclingfähige Einwegverpackungen als ökologisch gleichwertig zu Mehrwegverpackungen anerkannt werden.
Roland Wolf, Geschäftsführer Arbeitsrecht und Tarifpolitik von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, forderte in seiner Keynote angesichts stark gestiegener Kosten Reformen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Mit Ausgaben von rund 82 Milliarden Euro im Jahr 2024 sei sie die teuerste ausschließlich von Arbeitgebern finanzierte Sozialleistung. Vorgeschlagen werden unter anderem die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, eine Begrenzung der Lohnfortzahlung auf maximal sechs Wochen pro Kalenderjahr sowie mögliche Einschnitte wie Karenztage oder eine Reduzierung der Lohnfortzahlung auf 80 Prozent des Gehalts.
Zudem äußern die Arbeitgeber Kritik an der geplanten Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Sie befürchten zusätzliche Bürokratie und Einschränkungen bei leistungsbezogenen Vergütungssystemen. Gefordert wird daher eine möglichst schlanke Umsetzung in deutsches Recht, der Schutz bestehender Tarifverträge sowie der Verzicht auf zusätzliche Mitbestimmungsrechte bei der Entgeltbewertung.
Im öffentlichen Teil der Jahrestagung standen außerdem die Chancen und Risiken neuer Technologien im Fokus. Paul End von der diffferent GmbH zeigte in einem Impuls, wie produzierende Unternehmen eine Strategie für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz entwickeln können. Der Experte für Internetkriminalität Cem Karakaya beleuchtete aktuelle Bedrohungen durch Cyberangriffe und erläuterte, wie Unternehmen sich gegen „Cybercrime 2.0“ schützen können. In einer Podiumsdiskussion diskutierten anschließend Daniel Berninghaus (Papierwerk Landshut Mittler GmbH & Co. KG), Marco Knobloch (easy2cool GmbH), Paul End, Cem Karakaya sowie Dr. Eric Häntzsche (PTS – Papiertechnische Stiftung) über praktische Erfahrungen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Industrie. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Dr. Oliver Mayer von Bayern Innovativ.
Mit Blick auf die neue Bundesregierung richtete Berninghaus abschließend einen klaren Appell an die Politik: Deutschland brauche eine wirtschaftspolitische Trendwende. „Unsere Industrie ist eine tragende Säule der Wirtschaft, ein Vorbild für Kreislaufwirtschaft und ein unverzichtbarer Teil des Alltags“, sagte er. Entscheidend seien nun weniger Bürokratie, bezahlbare Energie, Investitionen in Digitalisierung sowie eine Stärkung der Fachkräftebasis. „Nur mit fairen Rahmenbedingungen können unsere Unternehmen weiterhin Innovationen schaffen und ihre Zukunft erfolgreich gestalten.“
